Geschichte 5: DIE SILBERNE TRUHE

Das Straßensystem in Stoppelfelde ist ganz anders angelegt als in Honigborn. In der Mitte des Dorfes befindet sich der Dorfplatz. Von diesem gehen strahlenförmig, wie bei einer Sonne, alle Straßen ab. So zum Beispiel die Bauerngasse, die Straße der Handwerker, die Straße der Geistlichen (dort wohnen der Pfarrer, die Lehrer und die Erzieherinnen) sowie die Straße der Lernenden. In dieser Straße stehen nur vier Häuser und diese wurden von der Gemeinde gebaut. All diejenigen, die sich etwas zu Schulden kommen lassen haben, müssen für sechs Monate mit ihren Familien hier einziehen und sich für Gemeindearbeiten bereithalten. Natürlich ist das für die Familien keine schöne Angelegenheit, weil dann jeder im Dorf über sie Bescheid weiß und abfällig über sie redet. Aber letzten Endes waren sie ja darüber informiert.

Robbie und Mischka biegen nun in die Straße der Götter ein. Familie Cutillo wohnt am Ende der Straße in einem sehr eleganten Haus.

Der Tisch ist mit vielerlei Leckerbissen gedeckt und alle freuen sich, dass sie nun endlich mit dem Abendessen beginnen können. Neben Mischka sitzt Mimi – Don Cutillos Tochter. Sie sind im gleichen Alter und finden sich von Anfang an sympathisch.

Nach dem Essen müssen alle Kinder ins Bett, weil es am nächsten Morgen früh raus geht. Die Erwachsenen besprechen noch den Ablauf des morgigen Tages, weil Familie Holzbuckel natürlich an einer schnellen und ordentlichen Fertigstellung ihres Hauses interessiert ist.

„Morgen müssen noch etliche Bäume geschlagen werden. Und das Fundament muss auch noch gegossen werden“, betont Vater Alwin. „Das ist wohl wahr, aber macht euch keine Sorgen darüber. Es gibt genügend Dorfbewohner, die euch zur Seite stehen werden“, verkündet Don Cutillo zuversichtlich.

Am nächsten Morgen sind alle schon früh auf den Beinen und ab sechs Uhr ist Hochbetrieb auf der Baustelle. Es sieht aus, wie bei den Ameisen. Viele, viele Bären aus Stoppelfelde bekunden ihre Freundschaft, indem sie mithelfen das neue Heim der Familie Holzbuckel zu errichten. Manche von ihnen haben ihre Esel dabei, die die schweren Holzstämme zum Neubau ziehen. Aus dem benachbartem Wald dröhnt das Schlagen der Äxte und der gleichzeitige Gesang der Vögel zu den Helfern hindurch. Robbie und Mischka sind auch im Wald und helfen mit, die dicken Äste von den Bäumen zu entfernen. „Nur gut, dass sich keiner an unserer Brombeerhecke zu schaffen macht“, sagt Mischka. „Hoffentlich bleibt das so! Hast du dir schon Gedanken gemacht, wann, wie und wo wir die Truhe öffnen können?“, fragt Robbie. „Kurz bevor die Sonne untergeht treffen sich alle bei den Cutillos zum Abendessen. Ich denke, dass wäre der richtige Zeitpunkt für unsere Aktion“, antwortet Mischka. „Das hört sich gut an, ich kann es kaum erwarten“, nuschelt Robbie.

Endlich ist es so weit, die Baustelle ist leer und verlassen. Robbie und Mischka tragen die Truhe in den Wald und konzentrieren sich nun auf deren Öffnung. Obwohl das Schloss verrostet ist, lässt es sich nicht so leicht öffnen, wie die beiden denken. Zum Glück hat Mischka eine Haarnadel dabei, mit der er jetzt durch geschickte Bewegungen versucht, das Schloss zu knacken. Nach fünf Minuten ist das Schloss geöffnet und die Spannung steigt. „Darf ich zuerst den Deckel anheben?“, bittet Robbie seinen Bruder. „Kein Problem, wenn du gern möchtest“, erwidert Mischka ganz entspannt. Robbie hebt nun ganz vorsichtig den Deckel an und schreit im nächsten Moment aus vollem Halse: „Iiiiiih- wie eklig, da sind ja Würmer drin!” „Zeig mal her, das glaub ich jetzt nicht“, entfährt es Mischka. Er nimmt den Deckel und lässt ihn sofort bis zum Anschlag zurückschnellen. Tatsächlich ist durch das Vergraben jede Menge Erde durch die dünnen Haarrisse in die Truhe eingedrungen. Dazwischen tummeln sich jetzt viele Regenwürmer.

„Na ja, mit den Regenwürmern werden wir wohl fertig werden. Sieh mal da rechts, da liegen ja Taler. Die sind bestimmt aus Gold, so wie die glänzen“, flüstert Mischka.

„Die sind auch gestempelt. Hier siehst du, da ist der Kopf eines Mannes mit einem Turban abgebildet“, erwidert Robbie. „Das wird ja immer besser und was ist das für eine Flasche? Sieht aus, als ob sie leer wäre. Nein, das kann nicht sein, wer vergräbt schon eine leere Flasche? Sieh, der Flaschenhals wurde extra mit Wachs versiegelt! Allein das ist schon merkwürdig“, bemerkt Mischka beeindruckt. Robbie kommt aus dem Staunen nicht heraus. Jede Menge Goldtaler und dann noch diese große, grüne, leere Flasche mit einem langgezogenem Wachsverschluss.

„Was machen wir denn nun mit unserem Schatz?“, fragt Robbie. „Ich würde sagen, die Goldtaler übergeben wir der Dorfgemeinde, weil sich hier alle so wahnsinnig nett um uns gekümmert haben, außerdem ist das ganz im Sinne unserer Eltern. Aber die Flasche birgt garantiert ein Geheimnis, vielleicht hat sie einen doppelten Boden oder ist hohlwandig … Das werden wir gleich wissen. Gib mir doch mal das Messer von da drüben“, weist Mischka seinen Bruder an und beginnt mit dem Abkratzen. Das äußere Wachs ist relativ schnell von der Flasche entfernt. Jetzt muss nur noch der innere Teil herausgekratzt werden. Mischka ist fast fertig, als der letzte Pfropfen mit einem lauten PLOPP durch die Flasche knallt, nach draußen katapultiert wird und durch die Luft zischt.

Vor ihren Augen entsteht plötzlich eine Art Nebel, der auf und ab schwebt, dabei dreht er sich wie ein Brummkreisel und es zischt und surrt, so wie es die Brüder in ihrem Leben noch nie zuvor gehört haben. „Was ist das?“, fragt Robbie ängstlich. Mischkas Gesichtszüge sind starr vor Erstaunen, denn er kann nicht begreifen, was sich gerade vor ihnen abspielt. Er ist vorerst unfähig, zu antworten.

Plötzlich ertönt eine ihnen unbekannte Stimme: „HUU – BRRRR – HU – BRRRR ist das herrlich, wieder an der frischen Luft zu sein, ich tue euch nichts! Ihr braucht keine Angst zu haben, ich bin der Flaschengeist HORATIO! Ihr habt mich endlich nach so langer Zeit aus diesem Gefängnis befreit. Dafür bin ich euch mein Leben lang dankbar – ihr lieben, lieben Kinder!“

Robbie und Mischka bleibt der Mund offen stehen, denn sie haben in ihrem Leben noch nie zuvor mit einem Flaschengeist zu tun gehabt. Nach ein paar Sekunden hat Mischka Gott sei Dank seine Sprache wiedergefunden und fragt: „Warum hat man dich denn in eine Flasche gesperrt, Horatio?“ „Der SULTAN VON RANA hat mich vor vielen Jahren in diese Flasche verbannt, weil ich mich für die Armen in seinem Reich eingesetzt habe und das hat ihm nicht gefallen. Immerhin habt ihr mich von diesem Schicksal erlöst und dafür werde ich euch fortan belohnen“, antwortet Horatio. „Was kannst du denn alles?“, möchte Robbie direkt wissen. „All das, was ihr Bären nicht könnt. Ich kann: durch Wände gehen, Leute belauschen, erschrecken und beschützen, durch die Lüfte fliegen, mich unsichtbar machen – und ich habe die Gabe, mich in Sekundenschnelle von einem Ort zum anderen zu bewegen.“ „Das klingt ja unfassbar! Solche Dinge sind uns bisher überhaupt noch nicht zu Ohren gekommen. Kannst du diese Dinge denn zu jeder Uhrzeit tun?“, fragt Mischka neugierig. „Leider nein. Tagsüber muss ich in meiner Flasche bleiben, weil das Tageslicht mich zu schnell altern lässt. Aber nachts darf ich mein Leben genießen, da will ich Spaß haben und euer Diener sein“, erwidert Horatio voller Tatendrang. Gerade als Horatio seinen letzten Satz beendet hat, hört man das Knacken von Zweigen – knack, knack, knack …Es fängt an unheimlich zu werden!

UND MORGEN GEHTS WEITER …

 

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